Zwischen klarer Kante und Konsenssuche
- Samuel Balsiger
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Der Landbote, 06.01.2026
Christian Hartmann kommt ein paar Minuten zu spät zum vereinbarten Café am Oberen Graben. Nicht aus Unpünktlichkeit. «Ich kam mit dem Auto, da mein Wohnort mit dem Bus nicht erschlossen ist. Es war schwierig, einen Parkplatz mit ausreichender Parkzeit zu finden», so Hartmann. Damit ist man sofort in seiner Wahlkampfagenda.
Denn für ihn sind kurze Parkzeiten Sinnbild einer Stadt, die Gewerbe und Bevölkerung zunehmend einengt. Diese Regulierungsdichte, die den Alltag der Winterthurer erschwere, sei eine der Motivationen für seine Stadtratskandidatur.
Der in Wülflingen wohnhafte Parlamentarier wuchs in der Zentralschweiz und im Raum Zürich auf. Nach seinem BWL-Studium brachte den heute 58-Jährigen seine Rolle als operativer Leiter und Projektmanager für die UBS bis nach Asien und Australien. 2013 machte er sich selbstständig und gründete die Gotthard Handels AG, ein Unternehmen für GPS-Ortungslösungen mit Sitz in Elsau und Kriens, das er bis heute führt.
2020 trat er für die SVP ins Winterthurer Stadtparlament ein, drei Jahre später wurde er Fraktionspräsident. Seit zwei Jahren präsidiert er die für die Finanzen zuständige Aufsichtskommission (AK). Mit der Kandidatur in den Stadtrat wagt er nun den nächsten Karriereschritt.
Gegen Überregulierung und «Silodenken» im Stadtrat
In der Exekutive, sagt Hartmann, wolle er jene strukturellen Probleme angehen, die sich für ihn beispielhaft beim Parkplatzregime zeigen: Überregulierung und kaum Koordination verschiedener Anliegen. Starre Parkvorgaben würden durchgesetzt, statt sich mit Anwohnenden und dem Gewerbe abzustimmen und die Altstadt somit als «Juwel» zu erhalten. Er schlägt daher eine Ausdehnung der Parkzeit von einer auf vier Stunden vor. «Daran sieht man, dass aktuell niemand die Fäden zusammenhält. Der Stadtrat ist kein Team, jeder schaut nur auf sein eigenes Silo und will seine Interessen durchsetzen», kritisiert er. Dies führe zu Spannungsfeldern.
In die Regierung gelangen will er mit eigenem Stil. Hartmann macht sich nicht über Podien oder Positionspapiere bekannt, sondern im direkten Austausch mit der Bevölkerung. Ihr zuzuhören, sei wichtig. Und ist Teil seines Wahlkampfkonzepts. Er will da sein, «wo der Schuh drückt». So warb er im Herbst im Einladungsprospekt für seine Beizentour durch die Quartiere: Bei einem Bier die Sorgen und Nöte der Winterthurer aufgreifen – so demonstriert Hartmann Volksnähe. «Die Beizentour wurde gut, sogar quartierübergreifend besucht, und ich habe viel über die Sorgen der Winterthurer erfahren», sagt er.
Auch auf seiner Website spiegelt sich seine Strategie wider: im Winterthurer Rot gefärbte, prägnante Botschaften unterstreichen seine Rolle als Politiker, der schnell verstanden werden und für alle zugänglich sein will. «Winterthur vorwärtsbringen» und «das Leben der Bevölkerung verbessern», verspricht er dort etwa. In seinen fünf Jahren im Parlament reichte Hartmann 13 Vorstösse ein, drei davon als Erstunterzeichner. Meist prallten sie ab. «Bei Vorstössen geht es auch darum, Themen anzustossen und Gerüchte zu verifizieren, um vorwärtszukommen», sagt er. Seine Aufgabe im Stadtrat sieht er auch als Brückenbauer. In der Aufsichtskommission habe er bei der Budgetdebatte bereits bewiesen, dass er es verstehe, mit anderen Parteien bis zur GLP Mehrheiten zu bilden.
Ein Hardliner sei er somit nicht, sondern offen für Konsens (mehr dazu im Interview unten). Die Ratskolleginnen und -kollegen nehmen ihn differenziert wahr: Von den SP-Parlamentarierinnen Maria Sorgo und Bea Helbling heisst es etwa, der SVP-Politiker könne in hitzigen Auseinandersetzungen noch kritikfähiger, dickhäutiger und kompromissbereiter sein. Andreas Büeler von den Grünen wünscht sich von Hartmann wiederum mehr Zuhören und Wertschätzung. Gleichzeitig schätzt die links-grüne Seite ihn als meinungsstarken, dossierfesten und umgänglichen Politiker, der Debatten getreu seinem Namen hart, aber strukturiert führe. Auch sei er sehr pragmatisch und humorvoll, findet Mitte-Parlamentarierin Iris Kuster.
Ordnung, Pragmatismus und Sicherheit
Dass er Unternehmer ist, sickert in Hartmanns Politik durch. Und sie passt zur klassischen rechtskonservativen SVP-Linie. Bei den Finanzen plädiert er für eine Neupriorisierung der Ausgaben. Man müsse straffer budgetieren, um mehr Reserven zu haben und dadurch unabhängiger zu werden. «Die Stadt hat es bisher versäumt, ausreichend eigene Einnahmen z. B. durch die Ansiedlung grosser Steuerzahler zu generieren», findet Hartmann. Teure «Komfortlösungen» wie etwa das Veloparking müsse man hinterfragen.
Geht es um den Klimaschutz, bekennt sich Hartmann als einziger der Stadtratskandidierenden nicht zu den Netto-null-Zielen der Stadt, die vom Stimmvolk angenommen wurden. Dieses Ziel sei illusorisch. «Ich begrüsse Klimaschutz, wenn er effektiv und finanziell machbar ist, wie etwa beim energieeffizienteren Bauen und Heizen. Da ist die Schweiz schon gut unterwegs. Oft werden aber Klimamassnahmen zur Bevormundung der Einwohner genutzt», findet er. Auch den Velound Fussverkehr sieht er in Winterthur als gut genug ausgebaut.
Viel zentraler sei für ihn die Stärkung der lokalen Wirtschaft. «Unternehmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen, gute Erreichbarkeit und praktikable Parklösungen.» In dieses Bild passt auch seine Forderung nach konsequenter Rechtsdurchsetzung: Unbewilligte Demonstrationen, die den Verkehr behinderten oder dem Gewerbe Schaden zufügten, müsse man sofort auflösen, statt zu deeskalieren.
Ein Vereinsmensch mit Bewegungsdrang
Auch jenseits der parlamentarischen Bühne ist Hartmann engagiert. Als Präsident der Kadetten Zürich engagiert er sich in seinem Jugendverein. Zudem ist er im Hauseigentümerverband sowie im Ortsverein und Jodelklub Wülflingen aktiv. Trotz dieser Umtriebigkeit und seiner geselligen Art sieht sich Hartmann nicht als «Selfie-Politiker», der um jeden Preis Präsenz markieren will.
Den nötigen Ausgleich zum dichten Terminkalender sucht der 58-Jährige in der Bewegung: Ob beim Squash, Wandern oder Skifahren – körperliche Fitness gehöre für ihn dazu, sofern die Zeit es zulasse. Denn für Christian Hartmann gibt es keine halben Sachen. Sein Credo: Politik betreibt man mit Haut und Haar – oder gar nicht.



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